Bandscheibenvorfall (Discusprolaps) ist die Verlagerung des Nucleus pulposus der Bandscheibe durch den Anulus fibrosus in den posterioren Epiduralraum, das Neuroforamen oder selten den anterioren Raum durch degenerative oder traumatische Ursachen. In der Lendenwirbelsäule tritt er am häufigsten bei L4-5 (45 %) und L5-S1 (40 %) auf; im zervikalen Bereich sind C5-6 und C6-7 am häufigsten betroffen. Hydratationsverlust des Nucleus pulposus, Anulusrisse und mechanische Belastung prädisponieren zur Herniation. Herniationstypen werden anatomisch in drei Kategorien eingeteilt: Protrusion (breitbasiges Bandscheibenmaterial, äußere Anulusfasern nicht oder teilweise überschreitend), Extrusion (schmalstieliges Bandscheibenmaterial unter oder über dem hinteren Längsband, breiter als die Basis), und Sequestration (Bandscheibenfragment vollständig von der Ausgangsscheibe getrennt, kann kraniale oder kaudale Migration zeigen). MRT ist der Goldstandard: sagittale und axiale T2-gewichtete Sequenzen zeigen Bandscheibenmaterial als hyperintens im posterioren Epiduralraum; Nervenwurzelkompression, Grad der Thekalsackkompression und Herniationstyp werden beurteilt. CT-Myelographie kann eine Alternative bei MRT-Kontraindikationen sein. Klinisch präsentiert sich mit Radikulopathie (dermatomaler Schmerz, Sensibilitätsänderungen, motorische Schwäche), Kreuzschmerzen und selten Cauda-equina-Syndrom (bilaterale Radikulopathie, Blasen-/Darmfunktionsstörung, perineale Anästhesie).
Altersbereich
20-60
Häufigkeitsalter
40
Geschlecht
Gleich
Prävalenz
Sehr häufig
Bandscheibendegeneration beginnt mit dem Altern: der Nucleus pulposus verliert Proteoglykangehalt → Wasserbindungskapazität nimmt ab → Bandscheibendesiccation tritt ein → intradiskales Druckungleichgewicht. Der Anulus fibrosus hat eine konzentrische lamelläre Struktur und sein schwächster Punkt ist posterolateral (wo das hintere Längsband am dünnsten ist). Mechanische Belastung (axiale Kompression + Flexion + Rotation) übt Stress auf degenerative Anulusfasern aus → Radialriss entsteht → Nucleus pulposus herniiert durch den Weg des geringsten Widerstands (posterolateral). In MRT-T2-Bildgebung erscheint herniiertes Bandscheibenmaterial hyperintens, weil der Nucleus pulposus noch Wasser enthält (hohe Protonendichte, lange T2-Relaxationszeit) — heller als die desiccierte Ausgangsscheibe. Sequestrierte Fragmente können mit der Zeit dehydrieren und das T2-Signal nimmt ab. In Kontrast-MRT zeigen Neovaskularisation und entzündliches Granulationsgewebe an der Peripherie chronischer Herniation → Randenhancement. Diese Entzündungsreaktion ist tatsächlich der Mechanismus der Spontanregression: Makrophageninfiltration phagozytiert das herniierte Fragment → Größe nimmt ab. Nervenwurzelkompression verursacht Radikulopathie durch eine Kombination aus mechanischer Kompression + chemischer Reizung (Phospholipase A2, TNF-alpha, Prostaglandine).
Hyperintenses Bandscheibenmaterial, das sich jenseits der normalen Bandscheibenkontur in den posterioren Epiduralraum in sagittaler und axialer T2-gewichteter MRT erstreckt — pathognomonischer Befund des Bandscheibenvorfalls. Herniationstyp (Protrusion/Extrusion/Sequestration), Größe, Richtung und Nervenwurzelbeziehung werden anhand dieses Befunds beurteilt.
Hyperintenses Bandscheibenmaterial ist im posterioren Epiduralraum in sagittaler T2-gewichteter MRT sichtbar. Material jenseits der normalen Bandscheibenkontur kann ähnliche oder leicht unterschiedliche T2-Signalintensität zur Ausgangsscheibe haben. Protrusion zeigt breitbasige Kontinuität mit Ausgangsscheibe, Extrusion zeigt schmalstieligen Anschluss, Sequestration zeigt vollständige Diskontinuität. Kranio-kaudale Ausdehnung des Bandscheibenmaterials, Grad der Thekalsackkompression und Nervenwurzelbeziehung werden in der Sagittalebene beurteilt.
Berichtssatz
Hyperintenses Bandscheibenmaterial, das sich auf __ Ebene in den posterioren Epiduralraum in T2-gewichteten Sequenzen erstreckt, vereinbar mit __[Protrusion/Extrusion/Sequestration].
In axialer T2-gewichteter MRT verlagert und komprimiert herniiertes Bandscheibenmaterial die Nervenwurzel. Die normale Nervenwurzel liegt frei im Neuroforamen umgeben von Epiduralfett. Bei Herniation drückt Bandscheibenmaterial die Nervenwurzel posterior oder lateral → Wurzel schwillt an (Ödem), wird komprimiert und Epiduralfett wird ausgelöscht. Die traversierende Wurzel wird bei posterolateraler Herniation betroffen, die austretende Wurzel bei foraminaler Herniation. Bei weit lateraler (extraforaminaler) Herniation wird die austretende Wurzel komprimiert.
Berichtssatz
Die __[linke/rechte] __[L4/L5/S1] Nervenwurzel wird durch herniiertes Bandscheibenmaterial verlagert und komprimiert; perineurales Ödemsignal ist vorhanden.
In T1-gewichteter MRT erscheint herniiertes Bandscheibenmaterial gewöhnlich isointens zur Ausgangsscheibe — ähnliche intermediäre Signalintensität wie Muskel und Bandscheibengewebe. Epiduralfett ist hyperintens in T1, und bei Herniation wird diese Fettebene ausgelöscht → Fettauslöschung wird als indirektes Zeichen des Bandscheibenvorfalls bewertet. Sequestrierte Fragmente können mit der Zeit dehydrieren und leichte Signaländerung in T1 zeigen. Hämorrhagischer Bandscheibenvorfall kann T1-Hyperintensität durch Methämoglobin zeigen.
Berichtssatz
Isointense Struktur zum Bandscheibenmaterial im posterioren Epiduralraum auf __ Ebene in T1-gewichteten Sequenzen mit Auslöschung der foraminalen Fettebene.
HIZ (High Intensity Zone) ist ein fokaler, signalstarker (CSF-ähnlicher) Herd im posterioren Anulus in sagittaler T2-gewichteter MRT. Es ist das MRT-Korrelat der Anulusfissur/des Anulusrisses. Es reflektiert die Infiltration von Wassergehalt aus dem Nucleus pulposus posterior entlang des Anulusrisses. HIZ-Vorhandensein korreliert mit diskogenem Schmerz — positive Korrelation mit schmerzhafter Bandscheibe bei provokativer Diskographie beträgt 82-89 %. Nicht alle HIZ sind symptomatisch; Prävalenz bei asymptomatischen Individuen beträgt 24-33 %.
Berichtssatz
Fokaler hyperintenser Herd (HIZ) im posterioren Anulus auf __ Ebene in sagittaler T2, vereinbar mit Anulusriss.
Dünnes Randenhancement um die Peripherie einer chronischen Bandscheibenherniation in Kontrast-MRT. Dieses Enhancement reflektiert die Neovaskularisation von entzündlichem Granulationsgewebe um herniiertes Bandscheibenmaterial. Enhancement fehlt gewöhnlich bei akuten Herniationen oder ist minimal. Vorhandensein von Enhancement ist kritisch wichtig zur Differenzierung von postoperativem Narbengewebe und residualer/rezidivierender Herniation: Narbengewebe zeigt homogenes Enhancement, herniierte Bandscheibe zeigt peripheres Randenhancement.
Berichtssatz
Dünnes peridiskales Randenhancement um herniiertes Bandscheibenmaterial auf __ Ebene in Kontrast-MRT, hinweisend auf chronische Herniation.
Weichteildichtes (50-80 HU) Bandscheibenmaterial im posterioren Epiduralraum in axialer CT. Es kontrastiert mit normalem Epiduralfett (ca. -100 HU). Kalzifizierter Bandscheibenvorfall kann sehr hohe Dichte (>100 HU) zeigen und kann im MRT als T2-hypointens übersehen werden. CT beurteilt laterale Rezessusverengung, Forameninvasion und Knochenbeziehung in axialen Schnitten besser als MRT. Sagittale Reformationsbilder sind kritisch zur Bestimmung des Herniationstyps und -levels.
Berichtssatz
Weichteildichter Bandscheibenvorfall auf __ Ebene im posterioren Epiduralraum in axialer CT mit __[rechter/linker] paramedianer Lage.
Kriterien
Breitbasiges Bandscheibenmaterial (>25 % des Bandscheibenumfangs), konvexer posteriorer Rand, partielle Anulusintegrität erhalten
Unterscheidungsmerkmale
Mildeste Form, Nucleus hat die Anulusfasern noch nicht vollständig verlassen. Beste Prognose, spontane Regression häufig
Kriterien
Schmalstieliges Bandscheibenmaterial, in jeder Ebene breiter als Basis, kann das hintere Längsband durchbrochen haben
Unterscheidungsmerkmale
Verursacht signifikantere Nervenwurzelkompression. Paradoxerweise ist spontane Regression häufiger als bei Protrusion — stärkere Entzündungsreaktion gegen großes Fragment
Kriterien
Bandscheibenfragment vollständig von Ausgangsscheibe getrennt, zeigt kraniale oder kaudale Migration, keine Kontinuität
Unterscheidungsmerkmale
Migriertes Fragment kann Symptome auf anderem Niveau verursachen. Höchste spontane Regressionsrate (70 %+) — freies Fragment dem Immunsystem ausgesetzt, aktive Makrophagenphagozytose
Kriterien
Bandscheibenmaterial erstreckt sich ins Neuroforamen oder extraforaminale Region, betrifft austretende Nervenwurzel
Unterscheidungsmerkmale
Andere Wurzel betroffen als bei klassischer posterolateraler Herniation (austretende Wurzel). Kann in axialer MRT übersehen werden — sagittale und koronale Ebenen kritisch. Chirurgischer Zugang unterscheidet sich
Unterscheidungsmerkmal
Synovialzyste zeigt deutlich hyperintense zystische Morphologie in T2 mit Kontinuität zum Facettengelenk und posterolateraler Lage; Bandscheibenvorfall ist solide/intermediäre Signalstruktur vom Bandscheibenniveau
Unterscheidungsmerkmal
Spinalkanalstenose zeigt mehrsegmentale Kanalverengung mit dominierender Ligamentum-flavum-/Facettenhypertrophie; Bandscheibenvorfall ist gewöhnlich einsegmentale fokale Pathologie
Unterscheidungsmerkmal
Degenerative Bandscheibenerkrankung zeigt dominanten T2-Signalverlust, Höhenverlust und Modic-Veränderungen ohne Herniation; Bandscheibenvorfall bezieht sich spezifisch auf Bandscheibenmaterial jenseits des Kanals
Dringlichkeit
urgentManagement
conservativeBiopsie
Nicht erforderlichNachsorge
6-month80-90 % der Bandscheibenvorfälle bessern sich mit konservativer Behandlung in 6-12 Wochen. Cauda-equina-Syndrom (bilaterale Radikulopathie, Harnverhalt, perineale Anästhesie) stellt eine chirurgische Notfallindikation dar (<48 Stunden). Progressives motorisches Defizit erfordert dringende Operation. Schwere Radikulopathie ohne Ansprechen auf 6-12 Wochen konservativer Therapie ist Indikation für elektive Chirurgie (Mikrodiskektomie). Sequestrierte Fragmente haben die höchste spontane Regressionsrate (70 %+).
Bandscheibenvorfall ist eine der häufigsten Ursachen für Kreuzschmerzen und Radikulopathie. Die meisten Patienten sprechen auf konservative Therapie an (Analgetika, Physiotherapie). Cauda-equina-Syndrom (bilaterale Radikulopathie, Blasen-/Darmfunktionsstörung) stellt eine chirurgische Notfallindikation dar. Bei progressivem motorischem Defizit oder Versagen der konservativen Therapie wird eine Operation (Mikrodiskektomie) erwogen.