Die Felsenbeinfraktur ist die haufigste Felsenbeinpathologie bei Schadeltrauma und macht 75-90% aller Schadelbasisfrakturen aus. Frakturen werden traditionell als longitudinal (70-90%) und transversal (10-20%) klassifiziert; die aktuelle Klassifikation in otische Kapsel-sparend (keine knocherne Labyrinthbeteiligung, bessere Prognose) versus otische Kapsel-verletzend (knocherne Labyrinthbeteiligung, hohes Risiko fur schweren sensorineuralen Horvorlust + Fazialisparese) ist klinisch relevanter. Longitudinale Frakturen verlaufen entlang der Langsachse des Felsenbeins und betreffen Mittelohrstrukturen — Ossikelkettendislokation (30-50%), Trommelfellperforation und Schallleitungsschwerhorigkeut. Transversale Frakturen verlaufen entlang der Kurzachse und kreuzen die otische Kapsel — permanenter sensorineuraler Horvorlust und Fazialisshadigung (50%) durch Kochlea- und Vestibulumschadigung. Dunnschicht-Felsenbein-CT (0,5-0,625 mm) ist der Goldstandard; Frakturlinie, Hamatotympanon (Mittelohrverschattung), Pneumozephalus, Ossikelkettendislokation und otische Kapselbeteiligung werden beurteilt. MRT beurteilt zusatzlich Fazialisshadigung, intrakranielle Komplikationen (Epiduralhematom, Sinussigmoideus-Thrombose) und Liquorfistel.
Altersbereich
5-80
Häufigkeitsalter
30
Geschlecht
Gleich
Prävalenz
Häufig
Die Felsenbeinfraktur resultiert aus Hochenergie-Schadeltrauma — haufigste Ursachen sind Verkehrsunfalle, Sturze und Korperverletzungen. Die Frakturlininenorientierung hangt vom Aufprallpunkt und Energievektorrichtung ab: lateraler Aufprall (temporoparietale Region) erzeugt longitudinale Fraktur — Energie breitet sich entlang der Langsachse des Felsenbeins aus und passiert Squama, Mastoid und Mittelohrstrukturen; frontaler oder okzipitaler Aufprall erzeugt transversale Fraktur — Energie ubertragt sich entlang der Kurzachse und kreuzt die otische Kapsel. Die otische Kapsel ist der dichteste Knochen des knochernen Labyrinths (enchondrale Ossifikation) und daher die frakturresistenteste Region — otische Kapsel-verletzende Frakturen erfordern hohere Energie und haben schlechtere Prognose. Hamatotympanon bildet sich wenn Blutung aus Temporalismuskel, Dura oder Mukoperiost die Mittelohrhohle uber die Frakturlinie fullt — im CT als Mittelohrverschattung sichtbar. Pneumozephalus entwickelt sich durch Lufteintritt uber Trommelfell- oder Tegmen-tympani-Fraktur. Ossikelkettendislokation betrifft am haufigsten die inkudostapediale Separation. Fazialisshadigung tritt am haufigsten am Ganglion geniculatum auf — der engsten Stelle des Fazialiskanals.
In der aktuellen Felsenbeinfrakturklassifikation ist die Klassifikation nach otischer Kapselbeteiligung klinisch bedeutsamer als die traditionelle longitudinale/transversale. Otische Kapsel-sparende Frakturen umgehen das knocherne Labyrinth und prasentieren sich typischerweise mit Schallleitungsschwerhorigkeut (gute Prognose). Otische Kapsel-verletzende Frakturen kreuzen das knocherne Labyrinth und sind mit permanentem SNHL, Fazialisparese und Liquorfistel assoziiert (schlechte Prognose).
Lineare Diskontinuitat in Felsenbeinstrukturen im Dunnschicht-Felsenbein-CT (0,5-0,625 mm, Knochenalgorithmus) — Frakturlinienverlauf, Lange und Orientierung werden beurteilt. Axiale und koronare Reformationen werden gemeinsam verwendet. Longitudinale Frakturen beginnen am Squamosum, verlaufen entlang des Tegmen tympani, kreuzen Mittelohrstrukturen und konnen sich zum Karotiskanal erstrecken. Transversale Frakturen beginnen am Foramen magnum, verlaufen entlang der Kurzachse des Felsenbeins und kreuzen die otische Kapsel.
Berichtssatz
__ Typ (longitudinale/transversale/gemischte) Frakturlinie im Felsenbein beobachtet, die durch __ Strukturen verlauft; otische Kapselbeteiligung __ (vorhanden/fehlend).
Weichteilddichte-Verschattung in der Mittelohrhohle — reprasentiert Hamatotympanon (Blutansammlung) im Kontext eines akuten Traumas. Verschattung kann homogen oder heterogen sein. Ossikelkette bleibt innerhalb der Verschattung sichtbar (nicht vollstandig verdeckt). Flussigkeitsspiegel kann sichtbar sein. Blut kann sich auch in Mastoidzellen ausbreiten. Hamatotympanon ist der haufigste assoziierte Befund der Felsenbeinfraktur (60-80%) und sollte immer zur Suche nach Frakturlinie veranlassen.
Berichtssatz
Weichteilddichte-Verschattung in der Mittelohrhohle, vereinbar mit Hamatotympanon im Traumakontext.
Freie Luft im intrakraniellen Kompartiment (epidural, subdural oder subarachnoidal) — zeigt Passage von aussen- oder Mittelohrluft in den intrakraniellen Raum durch Trommelfell- oder Tegmen-tympani-Riss durch Felsenbeinfraktur an. Luft erscheint als sehr niedrigdichter (-1000 HU) schwarzer Fokus im CT. Pneumozephalus kann gering (wenige Luftblasen) oder massiv (Spannungspneumozephalus — Masseneffekt) sein. Begleitet 20-30% der Felsenbeinfrakturen.
Berichtssatz
Intrakranielle freie Luft (Pneumozephalus) in __ Lokalisation, vereinbar mit Duradefekt sekundar zur Felsenbeinfraktur.
Storung der normalen anatomischen Beziehungen der Ossikelkette — am haufigsten inkudostapediale Separation (80% der osskularen Verletzungen), zweithaufigst inkudomalleolare Separation. Verlust der Beziehung zwischen Inkus-Langfortsatz und Stapes-Kapitulum im axialen CT (Verlust des normalen 'Eiskegel'-Erscheinungsbildes) ist der diagnostische Hinweis. Der Inkus ist der am haufigsten dislozierte Ossikel, da sein Langfortsatz die fragilste Struktur ist.
Berichtssatz
Ossikelkettendislokation auf __ Niveau, vereinbar mit traumatischer osskularer Verletzung sekundar zur Felsenbeinfraktur.
Erhohtes T2-Signal und Verdickung des N. facialis an Segmenten, wo die Frakturlinie den Fazialsisverlauf kreuzt — zeigt Odem, Kontusion oder Transektion an. Das Ganglion geniculatum ist das am haufigsten betroffene Segment (engste Stelle des Fazialiskanals). Kontrastmittelverstarkte MRT kann abnormales Enhancement des N. facialis zeigen. Tympanales und mastoidales Segment konnen ebenfalls betroffen sein.
Berichtssatz
T2-Signalerhohung und Verdickung des N. facialis im __ Segment, vereinbar mit traumatischer Nervenschadigung; klinische Korrelation und House-Brackmann-Graduierung empfohlen.
Frakturlinie, die das knocherne Labyrinth (Kochlea, Vestibulum, Bogengange) kreuzt — als otische Kapsel-verletzende Fraktur definiert und tragt im Gegensatz zum sparenden Typ Risiko fur schweren sensorineuralen Horvorlust (100%), Fazialisparese (50%) und Liquorfistel (40%). Die otische Kapsel ist die dichteste durch enchondrale Ossifikation gebildete Knochenstruktur und erfordert hohe Energie fur eine Fraktur.
Berichtssatz
Frakturlinie kreuzt die otische Kapsel (otische Kapsel-verletzende Fraktur) mit Risiko fur schweren sensorineuralen Horvorlust und Fazialisparese; notfallmassige otologische Evaluation empfohlen.
Kriterien
Fraktur entlang der Langsachse des Felsenbeins, beginnend am Squamosum, durch Tegmen tympani und Mittelohr. Macht 70-90% aller Felsenbeinfrakturen aus.
Unterscheidungsmerkmale
Schallleitungsschwerhorigkeut, Trommelfellperforation, Hamatotympanon, Fazialisparese 10-25%, Liquor-Otorrhoe selten. Durch lateralen Aufprall (temporoparietal) verursacht.
Kriterien
Fraktur entlang der Kurzachse des Felsenbeins, vom Foramen magnum ausgehend und die otische Kapsel kreuzend. Macht 10-20% aller Felsenbeinfrakturen aus.
Unterscheidungsmerkmale
Sensorineuraler Horvorlust (permanent), Fazialisparese 50%, Liquor-Otorrhoe/Rhinorrhoe haufig, Schwindel. Durch frontalen/okzipitalen Aufprall verursacht. Erfordert hohere Energie.
Kriterien
Fraktur mit sowohl longitudinalen als auch transversalen Komponenten. In der Praxis sind 30-50% der Frakturen gemischten Typs.
Unterscheidungsmerkmale
Gemischtes klinisches Bild — Elemente sowohl von Schallleitungs- als auch Schallempfindungsschwerhorigkeut. Prognose hangt von dominanter Frakturkomponente ab. Schlechte Prognose bei otischer Kapselbeteiligung.
Kriterien
Frakturlinie kreuzt das knocherne Labyrinth (Kochlea, Vestibulum, Bogengange). Wichtigster Unterscheidungspunkt in aktueller Klassifikation.
Unterscheidungsmerkmale
SNHL 100% permanent, Fazialisparese 50%, Liquorfistel 40%. Hochenergietrauma. Nur 2-6% aller Felsenbeinfrakturen.
Unterscheidungsmerkmal
Koaleszente Mastoiditis zeigt entzundliche Knochenerosion (Mastoidseptumerosion) aber keine Frakturlinie und keine Traumaanamnese. Klinisches Bild wird von Fieber und Infektionszeichen dominiert.
Unterscheidungsmerkmal
Mittelohrererguss hat Verschattung aber keine Frakturlinie, Pneumozephalus oder Ossikelkettendislokation. Knochenstrukturen sind intakt. Keine Traumaanamnese und klinischer Verlauf ist chronischer.
Unterscheidungsmerkmal
Erweiterter vestibulaerer Aquadukt ist eine kongenitale Anomalie — Knochendiskontinuitat ahnelt nicht Frakturlinie, zeigt glattrandige Erweiterung. Keine Traumaanamnese. Prasentiert sich mit bilateralem Horvorlust bei padiatrischen Patienten.
Dringlichkeit
emergentManagement
surgicalBiopsie
Nicht erforderlichNachsorge
specialist-referralFelsenbeinfraktur ist eine Traumapathologie, die notfallmassige Evaluation erfordert. Prioritare Beurteilungsreihenfolge: (1) Fazialisfunktion — akut einsetzende komplette Parese ist Indikation zur chirurgischen Exploration; (2) Liquorfistel — Uberwachung oder chirurgische Reparatur wegen Meningitisrisiko; (3) Horvorlust — Ossiculoplastie kann fur Schallleitungstyp geplant werden, SNHL ist permanent; (4) Vaskulare Verletzung — Karotiskanalfraktur tragt Risiko fur Dissektion/Pseudoaneurysma der A. carotis interna (CT-Angiographie).
Felsenbeinfrakturen konnen zu schwerwiegenden Komplikationen fuhren: Fazialisparese (besonders Transversaltyp), Liquorfistel (Otorrhoe/Rhinorrhoe), Meningitisrisiko, Schwerhorigkeut (Schallleitungs- oder Schallempfindungs-). Otische Kapsel-verletzende Frakturen haben schlechtere Prognose. Erfordert notfallmassige neurologische und otologische Evaluation.