Die Orchitis ist eine entzuendliche Erkrankung des Hodens, die am haeufigsten durch virale (Mumps) oder bakterielle Infektionen verursacht wird. Die bakterielle Orchitis entsteht haeufig durch Ausbreitung einer Epididymitis (Epididymo-Orchitis). Die Sonographie ist die primaere Bildgebungsmodalitaet und zeigt typischerweise eine Hodenvergrosserung, heterogene Echogenitaet und eine deutlich verstaerkte Vaskularisierung im Farbdoppler. Eine reaktive Hydrozele begleitet haeufig die akute Orchitis. Unbehandelt kann die Orchitis zu Abszessbildung, Hodeninfarkt und Infertilitaet fuehren. Mumps-Orchitis tritt typischerweise bilateral bei postpubertaeren Maennern auf. Bakterielle Orchitis ist meist einseitig und mit Harnwegsinfektionen assoziiert. Chronische Orchitis kann durch fokale echoarme Areale Neoplasien imitieren.
Altersbereich
15-45
Häufigkeitsalter
30
Geschlecht
Mannlich dominant
Prävalenz
Häufig
Die Pathophysiologie der Orchitis variiert je nach Infektionserreger. Die bakterielle Orchitis entsteht typischerweise durch gramnegative Organismen (E. coli, Klebsiella) oder sexuell uebertragbare Pathogene (Chlamydien, Neisserien), die retrograd ueber Ureter und Vas deferens den Hoden erreichen. Das entzuendliche Infiltrat (Neutrophile, Lymphozyten) verursacht interstitielles Oedem und Kongestion, was sich sonographisch als Hodenvergrosserung und Hypervaskularisierung manifestiert. Die Hypervaskularisierung resultiert aus Entzuendungsmediatoren (Prostaglandine, Histamin), die eine lokale Vasodilatation verursachen und im Farbdoppler als vermehrter Blutfluss dargestellt werden. Bei viraler Orchitis (Mumps) infiziert das Virus direkt die Tubuli seminiferi und erzeugt interstitielles Oedem, was zu bilateraler Hodenvergrosserung und Infertilitaet durch tubulaere Schaedigung fuehren kann. Die chronische Orchitis entwickelt Fibrose und granulomaotoese Entzuendung, die sich in der MRT als T2-Hypointensitaet und sonographisch als fokale echoarme Areale zeigt.
Deutlich verstaerkter Blutfluss im Hodenparenchym im Farbdoppler — reflektiert entzuendliche Hyperaemie und dient als wichtigstes Differenzierungskriterium gegenueber Torsion (avaskulaer). Bei Orchitis nimmt der arterielle Fluss zu und der vaskulaere Widerstand ab.
Bei akuter Orchitis ist der Hoden diffus vergroessert und verliert sein normales homogenes Echomuster, wird heterogen. Verstreute echoarme Areale im Parenchym reflektieren interstitielles Oedem und entzuendliches Infiltrat. Der betroffene Hoden ist deutlich groesser als der kontralaterale normale Hoden (mindestens 20-30% Volumenzunahme). Der Nebenhoden ist haeufig ebenfalls vergroessert und echoarm (Epididymo-Orchitis). Das Ausmass der Hodenvergrosserung und Heterogenitaet korreliert mit der Schwere der Entzuendung.
Berichtssatz
Der Hoden ist diffus vergroessert mit heterogener parenchymatoser Echogenitaet; die Befunde sind vereinbar mit akuter Orchitis.
Im Farb- und Power-Doppler zeigt sich ein deutlich verstaerkter Blutfluss im Hodenparenchym — als Ausdruck der entzuendlichen Hyperaemie. Die vaskulaere Signaldichte ist im Vergleich zum kontralateralen normalen Hoden signifikant erhoeht. Dieser Befund ist das wichtigste Kriterium zur Differenzierung von Torsion (avaskulaer/hypovaskulaer) gegenueber Orchitis (hypervaskulaer). Die Hypervaskularisierung kann diffus oder fokal sein. Der Power-Doppler ist sensitiver als der Farbdoppler beim Nachweis entzuendlicher Hypervaskularisierung auch bei niedrigem Fluss.
Berichtssatz
Im Farbdoppler zeigt sich eine deutlich verstaerkte Vaskularisierung im Hodenparenchym; dieser Befund ist vereinbar mit entzuendlicher Hyperaemie und eine Torsion wurde ausgeschlossen.
Um den Hoden zeigen sich eine reaktive Hydrozele (echofreie Fluessigkeitsansammlung) und eine Skrotalwandverdickung. Die Hydrozele ist typischerweise gering bis maessig und reflektiert entzuendliche Exsudation. Die Skrotalwandverdickung (>3 mm) resultiert aus Oedem und entzuendlicher Infiltration. Der Nebenhoden erscheint vergroessert und echoarm — insbesondere Nebenhodenkopf und -koerper sind betroffen. Peritestikulaere Strukturen (Tunica vaginalis, Kremasterstrukturen) koennen ebenfalls beteiligt sein.
Berichtssatz
Um den Hoden zeigen sich eine reaktive Hydrozele und Skrotalwandverdickung; die Befunde sind vereinbar mit peritestikulaerer Entzuendung.
In T2-gewichteten MR-Bildern ist der betroffene Hoden diffus vergroessert und zeigt hyperintenses Signal — als Ausdruck des interstitiellen Oedems und erhoehten Wassergehalts. Waehrend der normale Hoden ein homogenes mittel- bis hochintenses T2-Signal zeigt, nimmt bei Orchitis die Signalintensitaet weiter zu und wird heterogen. Der Nebenhoden erscheint ebenfalls oedematoes und T2-hyperintens. Peritestikulaere Fluessigkeit (Hydrozele) zeigt ein helles T2-Signal.
Berichtssatz
Der Hoden zeigt in T2-gewichteten Sequenzen eine diffuse Vergrosserung und erhoehte Signalintensitaet; die Befunde sind vereinbar mit akuter Orchitis.
Die diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI) kann bei akuter Orchitis eine eingeschraenkte Diffusion im betroffenen Hoden zeigen — als Hyperintensitaet in hochvalorigen b-Wert-Bildern mit vermindertem Signal in ADC-Karten. Die Diffusionsrestriktion resultiert aus entzuendlicher Zelldichte und interstitiellem Oedem. Dieser Befund kann bei der Differenzierung von Orchitis und Tumor helfen, ist aber allein nicht spezifisch. Bei Abszessbildung wird die Diffusionsrestriktion ausgepraegter und fokal.
Berichtssatz
Im betroffenen Hoden zeigt sich in der DWI eine Diffusionsrestriktion; die ADC-Werte sind im Vergleich zum kontralateralen normalen Hoden vermindert.
In T1-gewichteten Bildern erscheint der von Orchitis betroffene Hoden isointens oder leicht hypointens im Vergleich zum kontralateralen Normalbefund. Diffuse und avide Anreicherung zeigt sich in post-Kontrast-Sequenzen — als Ausdruck entzuendlicher Hyperaemie. Die Anreicherung kann homogen oder heterogen sein. Bei Abszessentwicklung wird ein zentrales nicht-anreicherndes Areal (nekrotisches Zentrum) von peripherer ringfoermiger Anreicherung umgeben. Der Nebenhoden reichert ebenfalls an. Skrotalwand und Tunicae koennen Anreicherung zeigen.
Berichtssatz
In post-Kontrast T1-gewichteten Sequenzen zeigt sich eine diffuse und avide Anreicherung des Hodens; die Befunde sind vereinbar mit entzuendlicher Hyperaemie.
Obwohl die CT nicht die primaere Bildgebungsmodalitaet fuer testikulaere Pathologie ist, koennen skrotale Befunde inzidentell in der abdominalen/pelvinen CT entdeckt werden. Bei Orchitis ist der betroffene Hoden vergroessert und zeigt eine verstaerkte Anreicherung in der kontrastverstarkten CT. Peritestikulaere Fluessigkeit (Hydrozele), Skrotalwandverdickung und reaktive inguinale Lymphadenopathie koennen begleitende Befunde sein. Die CT ist besonders nuetzlich bei der Beurteilung von Komplikationen (Abszess, Infarkt, Fournier-Gangraen).
Berichtssatz
Die CT zeigt eine Hodenvergrosserung mit verstaerkter Anreicherung und peritestikulaerer Fluessigkeit; die Befunde sind vereinbar mit Orchitis.
Kriterien
Akute Entzuendung durch bakterielle Infektion (E. coli, Klebsiella, sexuell uebertragbare Erreger). Entsteht meist durch Ausbreitung einer Epididymitis (Epididymo-Orchitis). Einseitig, ploetzlicher Beginn, assoziiert mit Fieber und Pyurie.
Unterscheidungsmerkmale
Der Nebenhoden ist meist zuerst betroffen — Nebenhodenvergrosserung und Hypervaskularisierung sind prominent. Einseitige Beteiligung ist typisch. Urinkultur kann positiv sein. US zeigt diffuse Hypervaskularisierung von Hoden und Nebenhoden.
Kriterien
Mumps-virusinduzierte Orchitis — entwickelt sich als Komplikation bei 20-30% der postpubertaeren Maenner mit Mumps. Tritt 4-8 Tage nach Parotitis auf. Bilaterale Beteiligung in 30% der Faelle.
Unterscheidungsmerkmale
Der Nebenhoden ist typischerweise nicht beteiligt (isolierte Orchitis). Bilaterale Beteiligung haeufiger. Hoeheres Risiko fuer Hodenatrophie und Infertilitaet (Atrophie in 50% der Faelle). Mumps/Parotitis-Anamnese ist klinischer Hinweis.
Kriterien
Chronische Entzuendung oder granulomaetose Reaktion — Tuberkulose, Sarkoidose, idiopathische granulomaetose Orchitis, Pilzinfektionen. Kann aufgrund fokaler echoarmer Laesionen Malignitaet imitieren. Hodenatrophie kann sich entwickeln.
Unterscheidungsmerkmale
Fokale echoarme Laesion(en) — imitiert Tumor. Verkalkungen koennen gesehen werden (TB). Nebenhodenbeteiligung haeufig (bei TB-Orchitis). T2-Hypointensitaet in der MRT (Fibrose). Klinische Korrelation und Biopsie meist erforderlich.
Kriterien
Komplikationen bei unbehandelter oder schwerer Orchitis: testikulaerer Abszess (fokale Fluessigkeitsansammlung), Hodeninfarkt (Ischaemie durch Druck innerhalb der Tunica albuginea), Fournier-Gangraen (nekrotisierende Fasziitis).
Unterscheidungsmerkmale
Abszess: dickwandig, avaskulaerer zentraler Bereich, DWI-Restriktion. Infarkt: keilfoermige avaskulaere Zone (segmental) oder diffuser avaskulaerer Bereich (global). Fournier: subkutanes Gas, Faszienverdickung — NOTFALL-CHIRURGIE.
Unterscheidungsmerkmal
Torsion: VERMINDETER/FEHLENDER Blutfluss im Doppler + Whirlpool-Zeichen + Samenstrangrotation. Orchitis: GESTEIGERTER Blutfluss (Hypervaskularisierung). Diese Differenzierung ist NOTFALL — Torsion erfordert Chirurgie.
Unterscheidungsmerkmal
Seminom: gut begrenzte, homogene echoarme solide Masse, typischerweise schmerzlos. Orchitis: diffuse heterogene Vergrosserung mit Schmerzen und Fieber. Chronische Orchitis kann jedoch mit fokalen Laesionen ein Seminom imitieren — Biopsie kann erforderlich sein.
Unterscheidungsmerkmal
Lymphom: >50 Jahre, bilateral, diffuse echoarme Infiltration, verstaerkte Vaskularisierung (aehnlich wie Orchitis!). Differenzierung: kein Fieber/Pyurie bei Lymphom, Tumormarker normal, bilaterale Beteiligung haeufiger. Biopsie kann erforderlich sein.
Unterscheidungsmerkmal
Abszess ist eine Komplikation der Orchitis: gut begrenzt, dickwandig, echoarme/komplexe Fluessigkeitsansammlung, zentrale Avaskularitaet mit peripherer Hypervaskularisierung (Ringzeichen). Ausgepragte Diffusionsrestriktion in der DWI.
Dringlichkeit
urgentManagement
medicalBiopsie
Nicht erforderlichNachsorge
6-monthAkute Orchitis wird mit Antibiotikatherapie behandelt. Torsion muss ausgeschlossen werden (NOTFALL-Doppler). Chirurgische Intervention kann bei Komplikationen erforderlich sein (Abszess, Infarkt). Chronische/fokale Orchitis kann mit Malignitaet verwechselt werden — Biopsie kann erforderlich sein. Bei Mumps-Orchitis entwickeln sich in bis zu 50% der Faelle Hodenatrophie und Infertilitaet. Follow-up US wird nach 4-6 Wochen zur Beurteilung des Therapieansprechens und der Komplikationen empfohlen.
Die Orchitis/Epididymo-Orchitis heilt in der Regel vollständig unter Antibiotikatherapie aus. Die kritische Differentialdiagnose ist die Hodentorsion — das Vorhandensein einer Doppler-Vaskularisation schließt eine Torsion aus. Komplikationen umfassen Abszessbildung, Hodeninfarkt, chronische Orchitis und Infertilität. Die Mumpsorchitis kann bilateral auftreten und birgt ein Atrophierisiko. Unbehandelt kann sie zu lebensbedrohlichen Zuständen wie der Fournier-Gangrän fortschreiten.