Der spinale Epiduralabszess ist eine neurospinale Notfallinfektion, charakterisiert durch Eiteransammlung (purulentes Material) im Epiduralraum des Spinalkanals. Der häufigste Erreger ist S.aureus (60-90%) und hämatogene Ausbreitung ist der Hauptinfektionsweg. Der posteriore Epiduralraum ist aufgrund des reichen Venenplexus häufiger betroffen als der anteriore. MRT ist der Goldstandard: epidurale Kollektion zeigt T1 niedrig-isointenses, T2/STIR hyperintenses Signal und Randkontrastierung (Ring-Zeichen) in kontrastmittelverstärkten Sequenzen ist pathognomonisch — innere Oberfläche glatt, äußere Oberfläche in Kontakt mit periduralem Fett. Deutliche Diffusionsrestriktion in der DWI bestätigt purulenten Inhalt und differenziert von reaktiver Flüssigkeit oder Phlegmon. Klinisch ist die Trias Fieber + starke Rücken-/Wirbelsäulenschmerzen + progressives neurologisches Defizit diagnostisch, aber die vollständige Trias liegt nur bei 10-15% der Patienten vor. IVDU, Diabetes, Immunsuppression, spinale Eingriffe und chronische Niereninsuffizienz sind Hauptrisikofaktoren. Notfall-chirurgische Dekompression + Drainage ist der Goldstandard bei neurologischem Defizit; IV-Antibiotikatherapie mit engmaschiger Überwachung kann ohne Defizit erfolgen. Zeit bis zur Operation ist der kritischste prognostische Faktor — Verzögerung über 24-36 Stunden erhöht das Risiko dauerhafter neurologischer Schäden.
Altersbereich
30-70
Häufigkeitsalter
55
Geschlecht
Mannlich dominant
Prävalenz
Sehr selten
Der spinale Epiduralabszess entwickelt sich über drei Hauptmechanismen. Erstens hämatogene Ausbreitung (50%): während Bakteriämie erreichen Pathogene (häufigst S.aureus) den Epiduralraum über Batsons vertebralen Venenplexus — dieses klappenlose Venensystem bietet freie Kommunikation zwischen Becken, Abdomen und Thorax und ermöglicht Infektionsausbreitung von entfernten Herden (Hautabszess, i.v.-Drogenkonsum, Endokarditis, Harnwegsinfektion) zur Wirbelsäule. Zweitens Ausbreitung per continuitatem (33%): direkte Extension von Spondylodiszitis, paravertebralem Abszess oder Psoas-Abszess. Drittens iatrogene Inokulation (15%): nach Wirbelsäulenchirurgie, Epiduralkatheter oder Lumbalpunktion. Einmal im Epiduralraum etablierte Bakterien vermehren sich rasch und triggern die Entzündungskaskade — Neutrophile, Proteasen, Zytokine führen zusammen zur Bildung von purulentem Material (Eiter). Eiteransammlung erhöht den epiduralen Druck und schädigt das Myelon auf zwei Wegen: (1) direkte mechanische Kompression — Myelon wird komprimiert, axonale Leitung gestört, Myelopathie entwickelt sich, (2) vaskulärer Kompromiss — epiduraler Druck komprimiert Spinalarterien und koronalen Venenplexus, Ischämie → Infarkt entwickelt sich. Randkontrastierung (Ring-Zeichen) im MRT resultiert aus Neovaskularisation im Granulationsgewebe der Abszesskapsel — neue Gefäße haben defekte endotheliale Barriere und Kontrastmittel tritt in die Kapsel aus. Zentraler purulenter Inhalt ist vollständig avaskulär und kontrastiert nicht. Deutliche Diffusionsrestriktion in der DWI resultiert aus eingeschränkter freier Bewegung der Wassermoleküle durch hohe Zellularität (Neutrophile), Protein und Fibrin im Eiter — kritisch für die Abszess-Phlegmon-Differenzierung.
Granulationsgewebe der Abszesskapsel kontrastiert in der epiduralen Kollektion, zentrales purulentes Areal nicht — pathognomonisch für neurospinalen Abszess.
In kontrastmittelverstärkten T1-Sequenzen zeigt die epidurale Kollektion Randkontrastierung — Abszesskapsel kontrastiert intensiv mit glattem Rand, zentrales purulentes Areal kontrastiert nicht. Dieses Ring-Zeichen ist der spezifischste MR-Befund des Epiduralabszesses.
Berichtssatz
Eine Kollektion mit Randkontrastierung im posterioren/anterioren Epiduralraum auf Höhe ...-..., vereinbar mit Epiduralabszess.
Epidurale Kollektion zeigt deutlich helles Signal in der DWI — niedriges Signal in der ADC-Karte (0,4-0,9 × 10⁻³ mm²/s). Bestätigt purulenten Inhalt.
Berichtssatz
Deutliche Diffusionsrestriktion in der epiduralen Kollektion in der DWI (ADC: ... × 10⁻³ mm²/s), sprechend für purulente Kollektion (Abszess).
T2/STIR zeigt hyperintense epidurale Kollektion. Myelonkompression und Myelopathiesignal (T2-Hyperintensität im Myelon) können begleiten.
Berichtssatz
Hyperintense epidurale Kollektion in T2/STIR auf Höhe ...-... mit/ohne begleitende Myelonkompression und Myelopathiesignal.
Kontrastmittelverstärktes CT kann epidurale hypodense Kollektion mit Randkontrastierung zeigen. CT ist weniger sensitiv als MRT, aber Alternative bei MRT-Kontraindikation.
Berichtssatz
Epidurale hypodense Kollektion mit Randkontrastierung auf Höhe ...-... im CT; hinweisend auf Epiduralabszess, weitere Evaluation mit MRT empfohlen.
T1 zeigt niedrig-isointense epidurale Kollektion. Posteriores epidurales Fett ist komprimiert oder verlagert. Leichter T1-Signalanstieg kann bei proteinreichen Abszessen auftreten.
Berichtssatz
Niedrig-isointense Kollektion im posterioren/anterioren Epiduralraum auf Höhe ...-... in T1.
Die STIR-Sequenz zeigt paravertebrales Weichteilödem und Entzündung um den Epiduralabszess. Dieser Befund zeigt die Ausbreitung der Infektion vom Epiduralraum in paraspinale Gewebe an, und periostale Entzündung der posterioren Wirbelelemente (Lamina, Processus spinosus) kann vorhanden sein. Ödem im dorsalen subkutanen Fettgewebe kann auf Fistelbildung hinweisen. Das Ausmaß der paravertebralen Beteiligung ist wichtig für die Planung des chirurgischen Zugangs und die Bestimmung der Antibiotikatherapiedauer.
Berichtssatz
Paravertebrales Weichteilödem und Entzündung begleitend zur epiduralen Kollektion auf Höhe ...-... in STIR; hinweisend auf paraspinale Infektionsausbreitung.
Kriterien
Rascher Beginn, hohes Fieber, rasche neurologische Verschlechterung. Prominente Randkontrastierung im MRT.
Unterscheidungsmerkmale
Hohe chirurgische Dringlichkeit, Mortalität 5-15%
Kriterien
Schleichender Beginn, niedriges Fieber, allmähliche neurologische Verschlechterung. Granulationsgewebe vorherrschend.
Unterscheidungsmerkmale
Dicke Kapsel, besser organisiert, kann besser auf Antibiotika ansprechen
Kriterien
Frühes Stadium, organisierter Abszess noch nicht gebildet. Diffuse epidurale Kontrastierung, kein Rand. Minimale DWI-Restriktion.
Unterscheidungsmerkmale
Kann mit Antibiotika heilen (Chirurgie evtl. nicht nötig), keine Randkontrastierung, DWI kritisch für Differenzierung
Unterscheidungsmerkmal
Spondylodiszitis zeigt End-Platten- und Bandscheibenbeteiligung; isolierter Epiduralabszess zeigt keine Wirbel-/Bandscheibenbeteiligung
Unterscheidungsmerkmal
Spinale TB zeigt Wirbeldestruktion, kalten Abszess, Bandscheibe erhalten, subligamentäre Ausbreitung; Epiduralabszess zeigt keine Wirbeldestruktion (in isolierter Form)
Unterscheidungsmerkmal
Ependymom ist intramedullär, solide Kontrastierung, Cap-Zeichen; Epiduralabszess extramedullär, Randkontrastierung, DWI-Restriktion, klinische Infektion
Dringlichkeit
emergentManagement
surgicalBiopsie
Nicht erforderlichNachsorge
specialist-referralDer spinale Epiduralabszess ist ein neurospinaler Notfall. Notfall-chirurgische Dekompression + Drainage ist der Goldstandard bei neurologischem Defizit — Verzögerung über 24-36 Stunden erhöht das Risiko einer dauerhaften Paraplegie dramatisch. IV-Antibiotikatherapie (4-8 Wochen) mit engmaschiger klinischer und MRT-Überwachung kann ohne Defizit erfolgen. Blutkultur (60-80% positiv) und chirurgische Materialkultur zur Erregerisolierung sind wichtig. Vancomycin sollte bei MRSA-verdächtigem S.aureus begonnen werden.
Der spinale Epiduralabszess ist ein neurospinaler Notfall — unbehandelt besteht das Risiko dauerhafter neurologischer Schäden (Paraplegie) und Tod. Notfall-chirurgische Dekompression und Drainage ist der Goldstandard bei Vorliegen eines neurologischen Defizits. IV-Antibiotikatherapie mit engmaschiger klinischer und MRT-Kontrolle kann bei fehlendem neurologischem Defizit erfolgen. Der wichtigste prognostische Faktor ist die Zeit vom Symptombeginn bis zur Operation — eine Verzögerung über 24-36 Stunden erhöht das Risiko dauerhafter Schäden.